Mein Nachruf für Leo

Es wird kein leichter Artikel für mich und momentan sind wir, meine Familie und ich, so weit weg vom Geschehen, so dass wir wunderbar verdrängen, dass unser Opa, Schwiegervater und Vater von uns gegangen ist.

Ich habe Leo im Frühjahr 2008 kennengelernt, für mich, die schon als Kind mit dem Naturführer im Wald herumgerannt ist und sich für die Natur interessiert hat, war es wunderbar, sich mit ihm auszutauschen und seinem schier unendlichem Wissen zu lauschen. Es mischte sich auch immer die ein oder andere Anekdote aus seiner oder Stefans Kindheit darunter und ich erfuhr Dinge über meinen Mann und seinen Bruder, die längst vergessen waren. Und es lauschte nicht nur ich, auch meine Kinder genossen es, Bücher gelesen zu bekommen (,denn er war so unendlich geduldig), mit Opa durch die Natur zu wandern oder Spezialführungen im Naturkundemuseum organisiert zu bekommen. Es war egal, wie viel die Kinder wirklich schon davon verstanden, was Opa ihnen da erzählte, es war die Leidenschaft und die Begeisterung, mit der er das tat und er hat damit Setzlinge in die Kinder gesetzt, die nun zu unserem Erbe werden, das Bewusstsein für Natur und Umwelt, das nun durch uns gepflegt und gehegt werden muss.

Es sind so viele Momente und Erinnerungen, die Leo weiter am Leben halten und die wir uns erzählen werden, wenn wir an ihn denken. Eine der letzten Erinnerungen bevor der Krebs begann, ihn zu brechen, war ein gemeinsamer Besuch im Zoo. Es war fast schon ein Ritual und wir ließen uns von ihm und den Kindern treiben, sie entschieden, welche Orte aufgesucht wurden, zuerst zu den Fischen, Reptilien und Schildkröten, dann in Richtung Gondwana-Land, dort ging es aufs  Boot und danach in Richtung Spielplatz. Auf dem Rückweg durfte es nicht fehlen, die Ziegen zu bürsten und die Kinder haben viel gequietscht und gelacht. Ich bin glücklich, einige Momente davon in Bildern festgehalten zu haben, denn das war unser letzter gemeinsamer Ausflug mit Leo.

Danach ging es manchmal schnell, manchmal langsam bergab, der Krebs, dieser Arsch, hatte sich etwas Besonderes ausgedacht und einem Menschen, der davon lebt, in der Natur zu sein, genau dieses genommen. Als die Wirbelsäule brach, brach es auch ihn und doch kämpfte er sich zurück. Als ich Leo im Sommer das letzte Mal sah, war er so voller Zuversicht, er war am Kämpfen, erzählte uns stolz, wie viele Runden er schon wieder mit dem Rollator um den Tisch laufen konnte, kämpfte sich die Treppen auf und ab, die Haare sprießen wieder auf seinem Kopf, die Chemo war vorbei, die Blutwerte gut. Wir waren so voller Hoffnung! Nur seinen geliebten Garten, dieses Reich, das auf dem ersten Blick einen Hauch von Wildnis hat, in dem aber so viel Liebe und Planung steckte, den konnte er nicht mehr betreten, der Weg dorthin war einfach zu schwer.

Dieser Garten – als ich ihn das erste mal sah, war ich verwirrt, denn das konnte unmöglich ein Garten sein, es war kein gewöhnlicher Garten, der klar strukturiert und linear verläuft, sondern dieser Garten war etwas ganz Besonderes. Aber Leo hatte sein System und wenn es augenscheinlich keine Struktur gab, so gab es doch einen Plan und ein System. Alles hatte einen bestimmten Platz, wenn die eine Pflanze dort ist, wehrt sie die Schädlinge der anderen ab und umgekehrt. Disteln und das, was wir auf den ersten Blick als Unkraut identifizieren würden, blieben stehen, weil sie Grundlage für anderes waren. Kennt ihr Stieglitze? Wisst ihr, dass sie auch Distelfinken heißen und sich fast ausschließlich von Distelsamen ernähren? In Leos Garten waren so viele Stieglitze, wie ich sie noch nie gesehen habe und ich habe auf der heimischen Festplatte so viele Fotos davon. Auch wie sich die Spatzen im Winter um Futter stritten, habe ich auf Fotos festgehalten. Ich schien es so gut festgehalten zu haben, dass Leo einen Artikel über Spatzen mit meinen Bildern zierte, darauf war ich sehr stolz.

Es war für uns immer wichtig, dass wir ganz besondere Erlebnisse in der Natur, wie Begegnungen mit Tieren, zuerst mit Opa teilten und Fotos oft nur für ihn machten, so dass er sich mit uns freuen konnte, eine besondere Entdecken gemacht zu haben, der Pflanze einen Namen gab oder uns gar noch mehr darüber erzählte.

Wie grausam muss es sein, wenn all das nicht mehr möglich ist, der Rollstuhl wurde zur Qual, die Natur unerreichbar, die ganzen Urlaube nach Frankreich und andere, ferne Länder blieben ungeplant, die Therapien und die Müdigkeit nahmen zu, der Krebs ging nicht weg, sondern er gierte nach mehr.

Der Tod ist die Erlösung von allen Schmerzen, über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus. Er versetzt uns wieder in den Zustand der Ruhe, in dem wir uns befanden, ehe wir geboren wurden. -Seneca

 

Still ist es nun geworden, ein wichtiger Mensch aus unserem Leben wurde von uns gerissen. Ja, die letzten zwei Jahre waren ein Auf und Ab, der Abschied von Leo begann tatsächlich mit der Diagnose Krebs und doch waren wir nicht bereit, nun doch so schnell und plötzlich Abschied zu nehmen. Unser Rückflug war doch schon längst gebucht, Weihnachten lag nur noch wenige Wochen vor uns, wir wollten an seinem Todestag doch nur einen fröhlichen und unbeschwerten Geburtstag mit unserer Tochter feiern. Uns war bewusst, dass es Weihnachten wahrscheinlich ein Abschied für immer sein würde, aber es war noch nicht Weihnachten und so traf uns diese Nachricht alle voller Schmerz, geschockt lagen wir uns alle in den Armen und weinten gemeinsam. Die Welt drehte sich weiter, doch für uns stand sie in diesem Moment still.

Die Vernunft sagt, es war Erlösung, sein Schmerz ist zu Ende, die Ungewissheit vorbei, keine weiteren Therapien, kein Tief nach einem vielversprechendem Hoch, aber diese Lücke, die entstanden ist, wird für immer bleiben. Wir werden dich, lieber Leo, in unseren Erinnerungen lebendig halten, wir legen den Kindern die Basis für eine Fremdsprache, wir gehen weiterhin durch die Natur, ich verspreche, ich werde mir einen Naturführer (für Deutschland und Michigan) kaufen und wir werden in den Sommern in deinem Garten sitzen und uns erinnern.

 

Jeder hat seine eigene,
geheime, persönliche Welt.
Es gibt in dieser Welt
den besten Augenblick,
es gibt in dieser Welt
die schrecklichste Stunde;
aber dies alles ist uns verborgen.

Und wenn ein Mensch stirbt,
dann stirbt mit ihm sein erster Schnee
und sein erster Kuss und sein erster Kampf…
all das nimmt er mit sich.

Was wissen wir über die Freunde, die Brüder,
was wissen wir schon von unserer Liebsten?
Und über unseren eigenen Vater
wissen wir, die wir alles wissen, nichts.

Die Menschen gehen fort…
Da gibt es keine Rückkehr.
Ihre geheimen Welten
können nicht wieder entstehen.

Und jedes Mal möchte ich von neuem
diese Unwiederbringlichkeit hinaus schreien.

Jewgenij Jewtuschenko

 

 

 

 

3 thoughts on “Mein Nachruf für Leo”

  1. Das hast Du so schön geschrieben, liebe Daniela! Ein wunderschöner und liebevoller Nachruf für Deinen Schwiegervater. Mir sind die Tränen gekommen. Alles Liebe für Euch!

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