Fast ein halbes Jahr…

Gerade schaue ich mir die Bilder unserer Erlebnisse so an und denke dabei, wow, was haben wir alles erlebt. Wie lange sind wir denn nun schon hier? Und stelle fest, dass wir genau heute vor fünf Monaten alle Koffer gepackt hatten und mehr oder weniger bereit für unser Abenteuer waren. Wir hatten viele Sorgen und Gedanken im Gepäck.

Wie werden die Kinder mit der Sprachbarriere zurechtkommen?

Ehrlicherweise habe ich mir nie große Sorgen um mein großes Mädchen gemacht, sie findet immer ihren Weg, sie ist so schlau, so offen, alle Kinder lieben sie, manchmal bin ich mir nicht sicher, ob sie das zu schätzen weiß, sondern es immer als selbstverständlich hinnimmt. Es fällt ihr jedenfalls so leicht, ihren Weg zu finden. Und so war es auch, die Sprachbarriere war kaum da, schon nach kurzer Zeit verstand sie Fragen und Wörter und gab zumindest Antworten wie „good“ oder „yes“ and „no“ und sogar erste Freunde waren gefunden. Sie hüpft noch immer jeden Morgen mit Spaß und Freude zur Schule, hat sogar sechs Wochen summerschool mit richtig viel Spaß absolviert, die Lehrer lieben sie und loben sie in den höchsten Tönen, sie liest uns Bücher in Englisch vor und fängt an, uns zu korrigieren, wenn wir mal ein Wort nicht richtig aussprechen.

Viel mehr Sorgen gab da mit dem Jüngsten. Wird er es schaffen, mein kleiner Tagträumer? Wird er Freunde finden, wo er doch in München nur den einen so schmerzlich vermisst? Er redet noch immer von diesem einen Freund, der so weit weg ist, aber seitdem wir den Kindergarten (engl: Pre-School) hinter uns lassen konnten (was für ein Glück), ist alles einfacher geworden. Nun habe ich auch endlich ein zweites Kind, das wieder Spaß hat, tagsüber mit anderen Kindern zusammen zu sein. Glücklicherweise sind sie zu zweit, also zwei deutsche Kinder in einer Klasse und da das befreundete Mädchen schon ein bisschen länger hier ist und besser englisch spricht, ist sie eine gute Stütze für meinen Sohn. Endlich ist er wieder gefordert, er macht sogar freiwillig seine Nap-Time (eine Pause, in der alle Kinder auf ihrer Yogamatte liegen, sie dürfen auch schlafen), die in der Vorschule für alle Kinder verpflichtend ist und ist abends trotzdem müde. Und beim Elternabend wurde mir erzählt, dass mein kleines Kind an einem sehr „chatty“ (bedeutet so viel wie: dort wird viel gequatscht) Tisch sitzt und er sogar schon vorn an der Tafel sitzen musste, weil er zu chatty war. Hmmm, naja, er wird auch das noch lernen, ich bin froh darüber, denn das bedeutet, dass er sich wohl fühlt. Auch er versteht nun immer mehr Englisch, fängt auch an, auf Englisch zu sprechen und fragt nicht mehr nach jedem Wort: „Was heißt das, Mama?“

Was mache ich eigentlich den ganzen Tag in den USA? Werde ich genug Arbeit haben?

Das war hart, zuerst galt es ja, in München jemanden zu finden, der nun meine Arbeit macht und es ist ein komisches Gefühl, wenn man die Firma nicht wirklich verlässt und trotzdem jemanden in die eigene Arbeit einweist. Ich bin so froh, dass wir Verena gefunden haben, sie war mir von Anfang an absolut sympathisch und ich freue mich, dass wir sie für unser Team gewonnen haben! Aber natürlich war die Sorge im Gepäck, was ich denn nun tun werde. Und ich habe mich bisher nicht gelangweilt. Ich vermisse meine Kollegen, ich vermisse es, morgens ins Büro zu kommen, vielleicht mit meiner manchmal nervigen guten Laune aufzuschlagen und dafür zu sorgen, dass im Büro alles passt. Aber auch hier habe ich meine Aufgaben gefunden, mein Mann muss immer mal auf Dienstreisen, die zu organisieren sind, die Buchhaltung USA ist auf dem aktuellen Stand, der Papierkram muss gemacht werden, ich lese Bücher über Bookkeeping und Quickbooks (eine Art Datev in den USA) und habe glücklicherweise immer wieder Kontakt mit den Kollegen in Deutschland, um mich in allem abzustimmen.

Natürlich ist weiterhin die Frage im Kopf, was passiert, wenn wir zurückkommen, aber die muss ich einfach dorthin zurückstellen, wo sie hingehört, zu dem Zeitpunkt des Zurückkommens, es hilft nichts, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen.

Werden wir Freunde finden? Wird es einen Kulturschock geben? Wie anders ist es in den USA?

Tja, es ist schon ein bisschen anders hier. Am Anfang ist mir vor allem die Entspanntheit der Amerikaner aufgefallen. Und die Kinderfreundlichkeit. Das fängt beim Autofahren an, da gibt es kaum Drängelei, an den Stopp-Schildern wird man sich kaum einig, wer zuerst fahren kann, weil man ständig Zeichen bekommt, doch zuerst zu fahren. Es gibt kein Hupen, wenn man  bei grün nicht schnell genug losfährt oder gar vergisst, dass man bei rot auch rechts abbiegen kann. Im Supermarkt plaudert man an der Kasse mit dir und hat Geduld, wenn du nicht schnell genug einpackst bzw. akzeptiert, wenn du deine eigenen Tüten mitbringst und deinen Kram selbst einpackst, statt mit Gelassenheit darauf zu warten, dass die jemand deine Einkäufe in viel zu viele Plastiktüten packt. Kinder sind hier immer und überall gern gesehen und sind auch fast überall mit dabei. Meist aber ruhig gestellt mit dem Tablet in der Hand, damit man beim Einkaufen keine Kinder hat, die einem zwischen den Füße rumhopsen oder gar helfen. Kinder stören nicht, man hat nie das Gefühl, dass es als störend empfunden wird, wenn dein Kind nun im Supermarkt einen Tobsuchtsanfall bekommt und vor allem sagt dir der Amerikaner nicht, dass er besser weiß, wie du deine Kinder erziehen solltest. Hier gilt einfach, leben und leben lassen und das ist total entspannt.

Es gibt hier komische Dinge, ja, man darf die Ampel bei rot überqueren, ihr habt richtig gelesen, z.B. wenn man rechts abbiegen will (außer es steht ein Schild da: no turn on red) oder wenn man einen Turn (Wendemanöver) macht, um links abzubiegen. (Der Michigan Turn scheint tatsächlich nur hier zu existieren, man biegt an einer Kreuzung nicht links ab, sondern fährt über die Kreuzung drüber, um dann direkt nach der Kreuzung über einen speziellen Wendepunkt zu wenden, um dann rechts abzubiegen, ich hab den Wikipedia-Eintrag dazu einfach mal verlinkt, da sind auch Bilder dabei). Am Anfang ist das echt seltsam, wenn du über deine erste rote Ampel fährst, aber man gewöhnt sich so schnell daran, ich habe ehrlicherweise echt Respekt davor, dass mir das nun auch in Deutschland passiert.

Tja und um das Tüten packen noch aufzugreifen… im Supermarkt wird an der Kasse alles von Personal eingepackt. Natürlich in jede Menge Plastiktüten. Man muss dann echt schnell sein, wenn man seine eigenen Tüten dabei hat, dass man die dem Personal überreicht, dann packen sie auch in die Tüten was rein. Nur stehen sie dann vor dem Problem… Obst kann nicht in die Tüte mit Fleisch, Müsli muss auch in eine extra Tüte und wenn wir schon dabei sind, die riesige Gallonen-Flasche Milch muss auch noch verpackt werden. Warum die Flasche einen Henkel hat? Na für uns, damit wir sie schnell vom Band schnappen können und in unseren Einkaufswagen legen können. Wenn man ganz lieb fragt, bekommt man an der Kasse sogar Papiertüten. Meist lassen sie uns dann einfach selbst einpacken. Den Einkaufswagen nach dem Einkaufen kannst du übrigens dort stehen lassen, wo dein Auto steht. Es dauert nicht lange, da kommt dann jemand und räumt alles wieder auf. Eine Münze für den Wagen brauchst du nicht, okay, fast nicht, beim Aldi (ja, es gibt Aldi Süd, stellenweise mit deutschen Spezialitäten, bei denen man echt schnell sein muss) muss man einen Quarter in den Wagen stecken UUUUND, dort muss man seine Ware selbst verpacken. Das ist für viele Amerikaner eine echte Herausforderung. Wir haben beim Aldi eine Kiste bekommen, die gute deutsche Einkaufskiste, was für ein Luxus….

Habt ihr euch in Deutschland schon immer darüber geärgert, dass der Kindergarten oder die Schule keine Wendeschleife für Autos hat, keine Zone, wo man die Kinder den Erziehern in die Hand drückt. Herzlich willkommen in den USA, hier gibt es das, zumindest in Schulen, ein Drive-in für Eltern. Du fährst in die riesige Wendeschleife, schmeißt dein Kind (bitte immer auf der Beifahrerseite) heraus und da stehen dann schon Lehrer, die die Kinder in Empfang nehmen und in Richtung Klassen geleiten. Bzw. dürfen die Fünftklässler auch schon dabei helfen, die kleineren Schüler zu begleiten. Gleiches machst du beim Abholen auch wieder, du musst also die Schule deines Kindes niemals betreten, du kannst alles bequem vom Auto aus machen. Und weil das so bequem ist, kannst du auch noch für die Bank den drive-thru (nein, es heißt nicht drive-in) benutzen, du kannst dein Essen so bestellen und in die Apotheke kannst du auch fahren. Und die Hardcore-Autofahrer leeren sogar ihren Briefkasten vom Auto aus. Macht die Post im Übrigen auch, deshalb stehen die amerikanischen Briefkästen immer ganz nah an der Straße, das Postauto kann bis ran fahren und die Briefe reinwerfen.

Und die Freunde?

In der Ferne ist man sich schnell vertraut und so gibt es ein großes deutsches Netzwerk, darüber bin ich echt froh. Mittlerweile habe ich eine deutsche Freundin schon auf der Notfallkarte meiner Kinder stehen und es ist einfach schön zu wissen, dass sie da sind. Auch amerikanische Freunde haben wir gefunden, aber ich stellenweise fühle ich mich unsicher im Umgang, kann ich einfach so reinschneien? Muss ich vorher anrufen? Mein großes Mädchen ist letztens einfach mit der Nachbarin mitgelaufen und schwupps, waren sie schon im Haus drin und haben gespielt und das war vollkommen ok, vielleicht sollte ich mich mehr an meinen Kindern orientieren, ich glaube, ich kann viel von ihnen lernen.

Und doch, manchmal ist es einsam. Manchmal gibt es diese Tage, da würde ich euch gern anrufen, vorbeikommen, spontan mit euch auf die Wiesn gehen oder einen Geburtstagswein mit euch trinken. Dann schaue ich auf die Uhr und es ist nach 4, also bei euch dann 22 Uhr und dann kann ich nicht mehr anrufen. Manchmal fehlt mir der Büroplausch mit euch oder das Treffen im Innenhof, um den Kindern beim Spielen zuzusehen. Ein Plausch unter Nachbarn, die Gemeinschaft, die wir uns geschaffen haben. Manchmal bin ich traurig und dann wäre ich froh, wenn es beamen gäbe. Manchmal und auch ganz oft, denken wir an euch, was ihr wohl gerade macht, wie es euch geht und wir freuen uns über eure Lebenszeichen. Und doch hat auch uns der Alltag gefangen und die Welt dreht sich weiter, so wie bei euch.

 

 

 

2 thoughts on “Fast ein halbes Jahr…”

  1. Soweit sind wir noch lange nicht, aber es ist wirklich witzig zu lesen, was da noch alles auf uns zu kommt! Ich mache mir ehrlich gesagt am meisten Sorgen, dass die Kinder sich hier nicht einfinden.
    Wahrscheinlich lache ich in ein paar Monaten über den Gedanken…
    Schön, dass ich deinen Blog gefunden hab!

    1. Ich glaube, die Kinder sind es, von denen du lernen kannst. Wenn du nicht gerade die schlechteste Daycare erwischst, die wir hatten, dann fügt sich alles und die Kids werden ein tolles Abenteuer haben. Wir haben gerade durch die Kids schnell unser Netzwerk erweitern können und Freunde gefunden. Ich bin nicht sicher, ob es ohne Kinder auch so leicht wäre. Aber komm erst einmal an und lass auf dich wirken. Wir haben am Anfang Stunden allein im Supermarkt verbraucht, weil wir nicht wußten, was wir einkaufen sollten. Vieles haben wir auch weggeworfen, weil es in unseren Augen nicht essbar war. Aber das hat man schnell raus. Meist gibt es eben die Expat-Gruppen, wir haben hier in Michigan eine Facebook-Gruppe für das deutsche Netzwerk, vielleicht gibt es das bei dir auch…. da gibt es Stammtische, Kaffeeklatsch und Tipps…

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